Lukaschenko reichert die Geschichte von der erzwungenen Landung weiter an

Lukaschenko reichert die Geschichte von der erzwungenen Landung weiter an

In einer Rede vor Parlamentarier*innen hat der weißrussische Dauerpräsident Alexander Lukaschenko die Version von der erzwungenen Landung eines Passagierflugzeuges in Minsk mit weiteren Details angereichert. Demnach erhielten die Flughäfen in Athen, wo der Flug gestartet war, der Flughafen in Vilnius, Litauen, wo das Flugzeug landen sollte, sowie der Flughafen in Minsk eine Warnung aus der Schweiz über eine Bombe an Bord. Allerdings stammen alle Versionen der Bombengeschichte ausschließlich von Regierungsstellen in Weißrussland. In einer ersten Version war sogar der Inhalt eines angeblichen Drohschreibens der Hamas an die EU veröffentlicht worden. Journalistinnen hatten sofort angemerkt, dass es nicht logisch wäre, dieses Drohschreiben nach Minsk zu schicken. Die Hamas dementierte umgehend.

 

In einer ersten Version hatte es geheißen, der Anfangjäger, der das Flugzeug nach Minsk eskortierte, hätte die Aufgabe gehabt, dem Passagierflugzeug notfalls bei der Landung auf dem nicht vorgesehenen Flughafen zu helfen. Das war wenig plausibel, denn es kommt öfters vor, das Flugzeuge wegen widriger Wetterbedingungen am Zielflughafen, weil jemand an Bord krank geworden ist oder aus anderen Gründen nicht auf dem vorgesehenen Flughafen landen ohne dass ein Militärjet aufsteigt, um ihnen die richtige Landebahn zu zeigen.

 

Nun sagt Lukaschenko, das Kampfflugzeug hätte die Aufgabe gehabt, das Verkehrsflugzeug notfalls abzuschießen, falls es etwa von Terroristen an Bord übernommen worden wäre, die es auf das Kernkraftwerk Weißrusslands hätten abstürzen lassen. Wieder passen eine Drohung an die EU, die da nie angekommen ist, und ein möglicher Angriff auf Weißrussland nicht so recht zusammen. Ryan Air sagt, das Jagdflugzeug habe seine Maschine zur Landung in Minsk genötigt.

Nach der Version von der quasi zufälligen Landung des Flugzeugs in Minsk wäre die Festnahme des oppositionellen Journalisten Roman Protassewitsch und seiner Freundin Sofia Sapega nur ein reiner Zufall gewesen. Dazu passt nicht gut das Gewicht der Anschuldigungen, die Lukaschenko nun gegen Protassewitsch aufbaut. Er nannte ihn einen Terroristen und behauptete, er habe als Söldner im Krieg in der Ukraine Menschen getötet. Protassewitsch war tatsächlich im Jahr 2014 in der Ukraine, nämlich als Reporter, der über den beginnenden Bürgerkrieg mit von Russland unterstützten Separatisten berichtete.

 

Bisher hatte man Protassewitsch lediglich vorgeworfen, Unruhen nach der umstrittenen Wiederwahl von Lukaschenko im vergangenen August organisiert zu haben. Ein mutmaßlich unter Zwang zustandegekommenes Videogeständnis von Protassewitsch bezog sich nur darauf. Zu dem Video sagten beide Eltern des Inhaftierten, es sähe aus, als seien Verletzungen im Gesicht mit Puder überdeckt worden. Möglicherweise sei ihrem Sohn die Nase gebrochen worden. Seine Mutter machte Würgemale am Hals ihres Sohnes aus.

 

Offenbar kam man später zu der Erkenntnis, dass die Anschuldigungen, Protassewitsch habe die Proteste nach der Wahl organisiert, zumindest im Ausland nicht reichen, um Protassewitsch als Schwerkriminellen darzustellen. Möglicherweise sucht man auch weitere Gründe, um eine Todesstrafe und Hinrichtung des jungen Journalisten gerechtfertigt erscheinen zu lassen.