Knastfunk-Party im Freiburg Strandcafé: die nächsten 35 Jahre

Knastfunk-Party im Freiburg Strandcafé: die nächsten 35 Jahre

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Radio mit Gitterstangen, die verbogen wurden
Lizenz: 
Keine (all rights reserved)

Party: Freitag 29.09.2023 20 Uhr, Strandcafé, Adlerstr. 12 - Musik: The Dangeroo

Gespräch mit dem Knastfunk (s.u.). Wie war die Redaktion zusammengesetzt; was waren die Themen?

Den Knastfunk auf Radio  Dreyeckland gibt es jetzt offiziell 35 Jahre, also genauso lange, wie RDL eine Sendelizenz hat. Zuvor war der Sender illegal und wir waren es natürlich auch.
Am Anfang waren wir eine große Redaktion mit einem breiten Spektrum zwischen UnterstützerInnen der politischen Gefangenen auf der einen Seite und staatstragenden linksliberalen SozialarbeiterInnen andererseits.
In der Szene hießen wir bisweilen "RAF und Drogenfunk".
Wir hatten innerhalb der Redaktion oft Streit und genauso auch Streit mit dem Staatsapparat, der unsere Sendungen bisweilen nicht lustig, sondern staatsfeindlich fand und mehrfach versucht hat, RDL und uns zu kriminalisieren.

Auch innerhalb des Radios waren wir nicht immer unumstritten, es gab eine Studiobesetzung  und Versuche, auf unsere Sendeinhalte Einfluss zu nehmen.
Jetzt, 35 Jahre später, ist es ruhiger um uns geworden, für den Staatsapparat sind wir langweilig geworden und Gefängnisse interessieren viele Leute auch nicht mehr.

Wir sind jetzt:

Ein Magazin aus dem Reich des Bösen: Über Justiz, Gefängnisse, Verbrechen und Verbrecher

und senden

jeden 1., 3. und 5. Sonntag im Monat um 21 Uhr (Wiederholung montags um 11 Uhr).

Auch die Redaktion hat sich verkleinert, viele unserer ehemaligen RedakteurInnen hatten dann andere Interessen, sind aus Freiburg weggezogen oder einfach gestorben ( Uschi, du fehlst uns).

Wir wollen am 29.09 ab 20:00 Uhr im Strandcafe auf dem Grether Gelände ein bisschen Party mit hauseigener Band ( The Dangeroo )  machen und zusammen etwas zurückblicken, aber auch nach vorne schauen.

Dazu laden wir Redakteurinnen und Redakteure von RDL, treue Hörerinnen und Hörer, die fast jede unserer Sendungen lauschen und WeggefährIinnen ein, die uns begleitet haben und vielleicht noch begleiten werden.

Schöne Grüße vom Knastfunk und von Hans und Conny Kaiser für die Knastfunkredaktion

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Gespräch mit dem Knastfunk
Im Hinblick auf dieses Jubiläum haben wir uns ausführlich mit der Knastfunkredaktion unterhalten.

  • Wie begann es?
  • A: Mit dem Knastfunk ging es damit los, dass wir uns erst einmal damit auseinandersetzen mussten, wer überhaupt auf Sendung gehen darf. Bei einem Treffen im Kommunalen Kino kamen etwa 40 Interessierte. Im September 1988 gab es viele verschiedene Gruppen, die sich später reduziert haben, Vier Gruppen haben sich dann rauskristalliert, die jeden Sonntag eine halbe Stunde Sendung gemacht haben.
  • Warum Sonntagabend?
  • Grund für die Sendezeit am Sonntagabend waren die Um­ und Einschlusszeiten im Knast. Es gab keine Fernseher, alle Gefangenen waren Sonntags wegen Schließermangel eingesperrt. Sonntagsabend war gar nichts los.
  • Wer waren die Sendungsmachenden?
  • B: Wir waren ein breites Spektrum, in der Szene nannte man uns Knast­ und Drogenfunk. Wir setzten uns zum einen aus Leuten zusammen, die tief in der Sozialen Arbeit, ich will nicht sagen verstrickt, sondern engagiert waren, auf eine gute Weise, und am Gefängnissystem was ändern wollten, bis zu Leuten, die sagten, dass kapitalistische System ist sowas von Scheiße und gehört abgeschafft. Innerhalb dieses breiten Spektrums haben wir versucht miteinander zu engagieren. Wenn man damals sagte "die Gefangenen", dann waren damit nicht alle Gefangenen gemeint, sondern DIE politischen Gefangenen. Diese galten sozusagen als Geiseln, wurden vom Staat aus Sicht von vielen damals in Geiselhaft genommen für eine revolutionäre Politik. Diejenigen, die am Anfang den Knastfunk gemacht haben, waren zunächst einmal in
    großer Sorge vor Repression.
  • A: Das Thema Gefängnis war Ende der 80er Anfang der 90er Jahre nochmal aktueller als es das heute ist. Im Laufe der 90er hat sich das reduziert.
  • B: Da sind wir nur ein Spiegelbild für das, was sich in der Gesellschaft, bzw. auch der Linken getan hat, nämlich dass sich Akzente verschoben haben. Von dem ursprünglichen Konzept, dass sozusagen draußen in Freiheit der revolutionäre Kampf betrieben wird und die Gefangenen die Fortsetzung des revolutionären Kampfes sind, ist nicht mehr viel
    übrig geblieben. Der revolutionäre Kampf oder der bewaffnete Kampf hat sich verabschiedet, ist implodiert. Es gab dann natürlich noch eine Reihe von Bewegungen, die sich trotzdem aus humanitären und politischen Gründen um die sogenannten politische Gefangenen gekümmert haben. Das ist ja mittlerweile alles noch viel schwieriger geworden, weil politische Gefangene
    mittlerweile auch viele Gefangene aus der Faschoszene sind, mit denen wir vom Knastfunk nun
    wirklich gar nichts zu tun haben wollen.
    A: Mitte/ Ende der 90er haben wir dann das Thema Politik nochmal aufgegriffen, als Drogenpolitik. Das haben wir sehr intensiv bearbeitet. Daraus entstand nochmal mehr oder weniger eine neue Gruppe, deswegen auch das Stichwort Drogenfunk.
  • Vielleicht noch ein bißchen ausbuchstabiert, die Gefangenen, an die ihr damals Ende der 80er Jahre gedacht habt, wer war das?
  • B: Na ja, das waren Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt, das waren die Gefangenen, das war ein
    gängiger Begriff, aus RAF und Widerstand, das hieß so und wer Radioarbeit machte, war da schon beinahe Teil des Widerstands, musste sich auch als Widerstand überprüfen lassen und immer das Richtige sagen, durfte nie das Falsche sagen, sonst wurde man aus dem Widerstand auch ganz schnell ausgeschlossen.
  • Annekdoten zu Repression?
  • A: Also es gab da schon ein paar Anekdoten: Im Zusammenhang mit Weiterstadt gabs ein Vorermittlungsverfahren nach Paragraph 129a gegen den Knastfunk gab, dass dann auslief, weil sie einfach zu langsam waren und nach einem halben Jahr das ganze einfach nicht mehr
    weiterverfolgt werden konnte. Es kam dann raus, dass in der Knastfunksendung in 30 Minuten, 29 mal oder 36 mal Bullen gesagt wurde, aber das wars
    dann auch...
  • In Weiterstatd sprengte die RAF 1993 die im Bau befindliche JVA.
  • A: Das sollte der erste sogenannte Multifunktionsknast werden, der nicht nur Wegsperren, sondern auch therapeutische Dinge mitaufnehmen sollte. Er galt als und als solches Symbol der Weiterentwicklung des Strafsystems.
  • Was für Themen dominierten ansonsten?
    A: Neben den politischen Gefangenen, die sicher ein wichtiger Teil des Knastfunksinhalts ausgemacht haben, gabs immer auch das Thema soziale Bewegungen, Auseinandersetzung mit dem System Gefängnis und Knast als solchen als Ausdruck des Kapitalismus und seines Strafsystems. Der Abolitionismus war damals ein Thema was in diesen Kreisen wesentlich stärker diskutiert wurde, also die Abschaffung der Knäste und die Überlegung – was kann man sonst tun, wie kann man mit Straftätern oder mit Menschen, die sich außerhalb bestimmter
    Regeln bewegen und die gibt es ja, wie kann man damit umgehen ohne dass man die Leute wegsperrt und dann eigentlich nichts passiert, weil das Thema Resozialisierung heute auch noch kaum, also nicht so ausbuchstabiert wird, dass man wirklich von einem erfolgreichen System der Resozialisierung reden könnte.
  • Über welche Themen gab es im Radio Diskussionen?
  • B: Als Redaktion sind wir auch ein Spiegelbild einer sich verändernden Linken. Wir hatten eine
    Studiobesetzung, weil wir als besonders täterschützend galten. Wir hatten Probleme auch
    innerhalb des Radios, weil wir kritische Bemerkungen über die Behandlung von
    palästinensischen Gefangenen in Israel gemacht haben. All das ist ja Zeitgeist der Linken irgendwie auch, in dem über solche Themen gestritten wird und auch gestritten werden muss und natürlich die Linke auch die Tendenz hat, was auch heute so ist, immer aufeinander los zu gehen und es nicht immer so richtig schafft, in die Gesellschaft hineinzuwirken und das haben wir ausgetragen, haben wir aushalten müssen und haben uns einfach ein Stück weit ein
    Die­ Karawanezieht­weiter­Denken zugelegt.
  • Die Widersprüche zwischen Utopie und Realität
  • Was natürlich in jedem von uns bleibt, mal mehr oder weniger stark ausgeprägt, ist die Spannung zwischen Utopie und kapitalistischer Gesellschaft, ie abweichendes Verhalten sanktioniert, und der Umgang damit. Einerseits kann man sagen, das ganze Strafrecht ist totaler Mist und der ganze Strafvollzug muss abgeschafft werden. Andererseits gibt es den Reformansatz, der sagt, na gut, die Realitäten sind halt andere, denen müssen wir uns stellen. Wir setzen uns für eine Entkriminalisierung und sonstwas ein. Diese Spannung, die man, wenn man gesellschaftlich kritisch ist, aushalten muss, die müssen wir natürlich auch als Redaktion und für uns selber aushalten.
  • Klassenjustiz
  • A: Es gibt derzeit verschiedene Veröffentlichungen, z.B. von Ronen Steinke zur Klassenjustiz. Die Ersatzfreiheitsstrafe wird gerade z.B. wesentlich intensiver diskutiert als noch vor einem Jahr. Es gibt verschiedene größere, schöne Veröffentlichungen zum Thema, dass Armut einfach auch justiziabel ist, Armut macht nicht nur krank, sondern Armut macht auch Gefängnisinsassen. Ich hatte es am Anfang gesagt, von zumindest einem Teil der Knastfunkredaktion war der Ansatz nicht politische Gefangene, sondern Abschaffung der Knäste. Diese Knäste waren nun mal in aller Regel gefüllt mit sogenannten „sozialen Gefangenen“, normalen Menschen die aufgrund einer bestimmten Klassenlage eher ins Gefängnis kommen als andere. Die Diskussion hat sich glaube ich auch bei uns verändert, wo wir damals teilweise gesagt haben „weg mit den Knästen,“ wird schon alles gut werden, da wären wir glaube ich heutzutage vorsichtiger, weil ich muss schon zugeben, es gibt eine ganze Menge an Menschen, die vielleicht zu Unrecht im Gefängnis sind, aber wo ich ganz gut finde, dass sie nicht in der öffentlichen Gesellschaft sind. Das ist tatsächlich ein Thema, was wir nochmal andenken müssten und diskutieren müssten: Was macht man denn mit Menschen, die sich tatsächlich außerhalb sozialer Regeln verhalten, was kann man mit denen machen, wo sollen die hin, wie geht man damit um. Dass da Gefängnis nicht das Ende der Diskussion ist, ist ja vollkommen klar, nur die Frage wäre dann, was ist denn die Alternative dazu?
  • Heißt das Knast abschaffen wäre jetzt nicht mehr eine Forderung, die ihr unterschreiben würdet?
  • B: Doch perspektivisch auf jeden Fall. Gefängnisse sind und bleiben systemstabilisierend und
    systemerhaltend, Gefängnisse sind immer Ausdruck von einer sozialen Ungerechtigkeit, aber natürlich hast du trotzdem das Problem, dass es Menschen gibt, da waren wir vielleicht früher ein bisschen naiver, die für andere gefährlich sind und anderen auch nicht gut tun und da muss man sich natürlich überlegen, was tut man. Gerade sind alle furchtbar empört darüber, auf
    welche unterirdische Weise die „Letzte Generation" kriminalisiert wird. Wir sind eigentlich gar nicht empört, weil wir das erwartet haben. Der Staat greift mal wieder tief in die Trickkiste. Da werden alle Hörerinnen und Hörer von Radio Dreyeckland sagen ja prima, genau der Meinung sind wir auch, das geht gar nicht. Wenn wir aber z.B. streiten würden über die Frage, ob sogenannte Sexualtäter bei welchen Tatverdacht, wann und wie weggesperrt gehören oder behandelt gehören oder wie auch immer, dann würden glaube ich, schon bei uns als Redaktion und vor allem auch in einem fortschrittlichen Spektrum wie Radio Dreyeckland die Leute aufeinander losgehen, vielleicht ein Stück weit auch zurecht, weil da berechtigte Interessen dahinterstehen, aber ich sage sozusagen, das ist eine Geschichte, die ist weiter
    lebendig....